
Positive Psychologie
Was untersucht die Wissenschaft eigentlich, wenn sie sich mit Glück beschäftigt? Warum ist Wohlbefinden mehr als gute Laune? Und können wir selbst etwas dafür tun, dass unser Leben gelingt?
Hier erfährst du mehr über die Positive Psychologie – eine wichtige wissenschaftliche Grundlage vieler Themen von HAPPYkratie.
Was ist Positive Psychologie?
Die Positive Psychologie ist ein Forschungsbereich der Psychologie, der untersucht, welche Bedingungen Menschen dabei unterstützen, ein erfülltes und gelingendes Leben zu führen.
Besonders bekannt wurde sie durch den Psychologen Martin Seligman. Er warb 1998 als Präsident der American Psychological Association dafür, neben psychischen Problemen und Erkrankungen auch menschliche Stärken, Wohlbefinden und gelingende Entwicklung stärker zu erforschen. Die wissenschaftliche Beschäftigung mit Glück, Sinn und menschlicher Entwicklung begann allerdings schon deutlich früher.
Die Positive Psychologie fragt nicht nur: „Was macht Menschen krank oder belastet sie?“ Sondern auch: „Was stärkt Menschen? Was hilft ihnen, Herausforderungen zu bewältigen? Und was trägt dazu bei, dass sie aufblühen können?“
Dabei geht es nicht darum, Schwierigkeiten oder negative Gefühle zu ignorieren. Vielmehr erweitert die Positive Psychologie den Blick auf das menschliche Erleben.
Zwei Perspektiven auf Glück
In der Glücksforschung wird häufig zwischen zwei Perspektiven auf Wohlbefinden unterschieden.
Hedonisches Wohlbefinden – sich gut fühlen
Hier stehen angenehme Gefühle, Freude, Genuss und Lebenszufriedenheit im Mittelpunkt. Ein schöner Abend mit Freundinnen und Freunden, ein Lieblingslied oder ein gutes Essen können solche Glücksmomente auslösen.
Die zentrale Frage lautet: „Wie gut fühlt sich mein Leben für mich an?“
Eudaimonisches Wohlbefinden – ein erfülltes Leben führen
Hier geht es stärker um Sinn, persönliche Entwicklung, Selbstbestimmung und die Erfahrung, entsprechend den eigenen Werten zu leben. Zum Beispiel kann es anstrengend sein, für ein wichtiges Ziel zu trainieren, sich für andere einzusetzen oder eine schwierige Aufgabe zu bewältigen. Trotzdem können solche Erfahrungen als besonders erfüllend erlebt werden.
Die zentrale Frage lautet: „Erlebe ich mein Leben als sinnvoll und erfüllend?“
Beide Perspektiven schließen sich nicht aus. Ein gutes Leben kann schöne Momente enthalten – und gleichzeitig Herausforderungen, Anstrengung und schwierige Gefühle.
Flourishing – was bedeutet Aufblühen?
Ein wichtiger Begriff der Positiven Psychologie ist Flourishing. Wörtlich bedeutet das etwa „Aufblühen“.
Gemeint ist ein umfassenderes Wohlbefinden, bei dem Menschen nicht nur positive Gefühle erleben, sondern beispielsweise auch gute Beziehungen pflegen, Sinn erfahren, ihre Fähigkeiten einsetzen und sich weiterentwickeln können.
Martin Seligman beschreibt mit seinem PERMA-Modell fünf wichtige Bereiche des Wohlbefindens:
- P – Positive Emotions: Positive Gefühle erleben.
- E – Engagement: In einer Tätigkeit aufgehen.
- R – Relationships: Unterstützende Beziehungen gestalten.
- M – Meaning: Sinn und Bedeutung erfahren.
- A – Accomplishment: Ziele erreichen und Fortschritte erleben.
In HAPPYkratie begegnet dir dazu die erweiterte Perspektive PERMA+V, die auch Vitalität und körperliches Wohlbefinden berücksichtigt.
Das Modell zeigt: Wohlbefinden hat mehrere Seiten. Du kannst zum Beispiel gerade wenig Freude empfinden und trotzdem Sinn in einer Aufgabe erleben. Oder du kannst einen schönen Tag haben, obwohl dich gleichzeitig etwas belastet.
Kann man Glück trainieren?
Die Positive Psychologie untersucht auch sogenannte Positive Psychology Interventions – kurz PPIs. Das sind Übungen, die darauf abzielen, bestimmte Ressourcen und Aspekte des Wohlbefindens zu stärken.
Ein bekanntes Beispiel ist die Übung „Drei gute Dinge“. Dabei notierst du am Abend drei Dinge, die an diesem Tag gut waren, und überlegst, warum sie passiert sind oder welchen Anteil du selbst oder andere daran hatten.
Eine Studie von Martin Seligman und Kolleginnen und Kollegen aus dem Jahr 2005 untersuchte unter anderem diese Übung. Bei Teilnehmenden, die sie eine Woche lang durchführten, zeigten sich im Vergleich zu einer Kontrollbedingung Verbesserungen bestimmter Wohlbefindensmaße. Einige Effekte waren auch bei späteren Nachbefragungen noch nachweisbar.
Allerdings wirken solche Übungen nicht bei allen Menschen gleich. Auch größere Forschungsübersichten zeigen im Durchschnitt positive, häufig eher kleine Effekte auf das Wohlbefinden. Die Ergebnisse hängen unter anderem von der Art der Übung, den Teilnehmenden und der Qualität der Studien ab.
Es gibt also keinen universellen Glückstrick. Aber es gibt Möglichkeiten, bestimmte hilfreiche Denk- und Verhaltensweisen bewusst zu üben.
Positive Psychologie ist nicht positives Denken um jeden Preis
Ein häufiges Missverständnis lautet: „Wer positiv denkt, wird glücklich.“ So einfach ist es nicht.
Trauer, Wut, Angst und Enttäuschung gehören zum menschlichen Leben. Diese Gefühle können wichtige Hinweise darauf geben, was uns belastet, bedroht oder besonders wichtig ist.
Positive Psychologie bedeutet deshalb nicht, negative Gefühle zu verdrängen oder Probleme schönzureden. Auch schwierige Lebensumstände lassen sich nicht allein durch eine andere Einstellung verändern.
Entscheidend ist vielmehr, die eigenen Möglichkeiten realistisch wahrzunehmen, persönliche Ressourcen zu entwickeln und zugleich Belastungen und Grenzen ernst zu nehmen.
Glück ist nicht nur Privatsache
Wie wohl wir uns fühlen, hängt nicht ausschließlich von unseren Gedanken, Gewohnheiten und Entscheidungen ab. Auch unsere Lebensbedingungen spielen eine wichtige Rolle.
Dazu gehören beispielsweise Gesundheit, finanzielle Sicherheit, soziale Beziehungen, Bildung, gesellschaftliche Teilhabe und die Erfahrung, respektiert und fair behandelt zu werden.
Nicht alle Menschen haben die gleichen Möglichkeiten, ihr Wohlbefinden zu gestalten. Deshalb ist es wichtig, sowohl persönliche Ressourcen zu stärken als auch gesellschaftliche Bedingungen zu schaffen, unter denen Menschen gut leben können.
Ein gutes Leben ist nicht nur eine individuelle Aufgabe. Es ist auch eine gesellschaftliche Frage.
Was du daraus mitnehmen kannst
Vielleicht ist Glück nicht einfach etwas, das wir haben oder nicht haben. Vielleicht lohnt es sich, genauer hinzuschauen: Was gibt mir Energie? Wann erlebe ich Sinn? Welche Beziehungen tun mir gut? Welche Stärken kann ich einsetzen? Und was könnte ich selbst ein kleines Stück verändern?
Positive Psychologie verspricht kein Leben ohne Schwierigkeiten. Sie untersucht, was Menschen dabei helfen kann, auch mit Herausforderungen ein möglichst gutes und erfülltes Leben zu führen.
Weiterführende Informationen
DGPP – Deutsche Gesellschaft für Positive Psychologie
Gedanken über Glück und Wohlbefinden
ICH
Mein gutes Leben
- Wann fühle ich mich wirklich wohl?
- Was gibt meinem Leben Sinn – auch wenn es manchmal anstrengend ist?
- Welche kleine Gewohnheit könnte mein Wohlbefinden unterstützen?
DU & WIR
Gemeinsam aufblühen
- Welche Menschen tragen besonders zu meinem Wohlbefinden bei?
- Wie kann ich andere unterstützen, ohne ihre Probleme kleinzureden?
- Was können wir gemeinsam tun, damit sich mehr Menschen zugehörig fühlen?
GESELLSCHAFT
Gute Bedingungen für alle
- Haben alle Menschen die gleichen Chancen auf ein gutes Leben?
- Welche Rolle spielen Bildung, Sicherheit, Gesundheit und Mitbestimmung für unser Wohlbefinden?
- Was können wir als Gesellschaft verändern, damit mehr Menschen aufblühen können?
